Wer auf dem Hemeraner Wochenmarkt nach Kartoffeln fragte, bekam in den vergangenen vier Jahrzehnten weit mehr als nur Annabelle, Belana, Monique oder Wega. Am Stand von Eva und Willi Stahlhoff gab es immer auch einen lockeren Spruch, ein offenes Ohr und die ehrliche Frage: „Und wie geht's eigentlich deiner Mutter?" oder „Hat der Enkel die Prüfung bestanden?"
Seit 40 Jahren gehören die Inhaber des Wickeder Kartoffelhofs jeden Mittwoch und Samstag ganz selbstverständlich zum Bild auf dem Neuen Markt. Ihre Kartoffeln aus eigenem Anbau, frische Eier sowie Obst und Gemüse sind beliebt – doch mindestens genauso geschätzt werden die Menschen hinter dem Verkaufsstand.
Viele Kundinnen und Kunden kaufen seit Jahrzehnten bei „Stahlhoffs Willi" ein. Aus Kunden wurden Bekannte, aus Bekannten manchmal Freunde. Man kennt sich, interessiert sich füreinander und weiß oft mehr voneinander als so manche Nachbarschaft. Genau diese persönliche Verbundenheit machte den Marktstand der Familie Stahlhoff zu einem besonderen Ort.
Nach 40 Jahren ist Schluss – zumindest größtenteils, aber dazu später mehr. Bei der offiziellen Verabschiedung durch Bürgermeister Christian Schweitzer verkündeten Eva und Willi Stahlhoff mit einem Lächeln: „Jetzt ist Feierabend – Zeit für den Ruhestand."
Ein letztes Mal werden Eva und Willi Stahlhoff am Samstag, 27. Juni, gemeinsam ihren Stand aufbauen. Ab 7 Uhr sind sie wie gewohnt auf dem Neuen Markt anzutreffen. Selbst die angekündigte Rekordhitze kann daran wenig ändern. Der Markttag endet zwar ausnahmsweise bereits gegen 12 Uhr, doch Verlässlichkeit gehörte für die Stahlhoffs schon immer zum Geschäft – egal ob bei 38 Grad im Schatten oder fünf Grad im Regen.
Was viele Stammkundinnen und Stammkunden denken, brachte Bürgermeister Christian Schweitzer bei der Verabschiedung auf den Punkt: „Wir werden Sie vermissen. Sie sind eine Institution auf dem Hemeraner Wochenmarkt – menschlich und geschäftlich."
Für eine Institution braucht es natürlich auch ein besonderes Abschiedsgeschenk. Schnell war klar: Es musste eine Goldene Kartoffel sein. Geworden ist daraus eine vergoldete Marzipankartoffel, die Hemeraner Konditormeister Georg Poggel liebevoll von Hand geformt hat.
Fast anspruchsvoller als die Geschenkidee war allerdings deren Transport. Bürgermeister Schweitzer meisterte die rund 100 Meter vom Rathaus bis zum Marktstand mit größter Vorsicht, damit sich Schokoladenüberzug und Verpackung nicht vorzeitig näher kennenlernen konnten. Am Ziel angekommen, bewies Eva Stahlhoff einmal mehr ihre jahrzehntelange Markterfahrung: Die Goldene Kartoffel verschwand kurzerhand in einer Kühltasche auf der Lkw-Pritsche. Erfahrung macht eben nicht nur den Meister – sondern sorgt auch dafür, dass eine Marzipankartoffel selbst an einem heißen Sommertag ihre Form behält.
Der Wochenmarkt verliert mit Eva und Willi Stahlhoff zwei Gesichter, die ihn über Jahrzehnte geprägt haben. Ganz verschwinden werden die beliebten Kartoffeln zum Glück nicht. Tochter Monika Trautmann übernimmt den Stand in etwas kompakterer Form und wird die kulinarischen Klassiker Kartoffeln und Eier weiterhin anbieten. Und Eva und Willi? Die wollen ihre Tochter abwechselnd unterstützen. Ob das nun gelungenes Übergangsmanagement oder einfach die berühmte Schwierigkeit mit dem Loslassen ist, bleibt offen. Wahrscheinlich ist es vor allem eines: die Liebe zur Landwirtschaft – und zu den Menschen, die sie seit Jahrzehnten versorgen. Kein harter Schnitt, sondern ein sanfter Übergang mit einem Lächeln. Und darüber dürfte sich so mancher Stammkunde freuen – vielleicht nicht jeder laut, aber ganz bestimmt von Herzen.